Die Frühhilfe Ostbelgien im Interview mit der Freien Krankenkasse

Frühzeitig unterstützen Im Gespräch mit der Frühhilfe Ostbelgien

Die Frühhilfe Ostbelgien begleitet seit 1985 Familien mit kleinen Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren, die eine Entwicklungsauffälligkeit oder Beeinträchtigung aufweisen.

Ziel ist es, die Entwicklungschancen dieser Kinder bestmöglich zu stärken – durch eine ganzheitliche, niederschwellige, transdisziplinäre und familienorientierte Unterstützung.

Dabei setzt die Frühhilfe Ostbelgien auf präventive Maßnahmen, um Entwicklungsrisiken frühzeitig zu erkennen und gezielt zu fördern. Das Team arbeitet eng mit den Familien zusammen, entwickelt individuelle Förderpläne und begleitet die Kinder im vertrauten Umfeld ihrer Familie.

Wir haben mit Françoise Bock und Erica Margraff, Leiterinnen der Frühhilfe Ostbelgien, über die wertvolle Arbeit, die bedürfnisorientierten Angebote und die Bedeutung frühzeitiger Unterstützung für Kinder und ihre Familien gesprochen. Dabei erfahren wir, wie Prävention, Entwicklungsdiagnostik, Förderung und Begleitung Hand in Hand gehen, um Kinder stark und Familien Sicher zu machen.

Seit wann gibt es die Frühhilfe Ostbelgien und was ist ihr Anliegen ?

Françoise: Die Frühhilfe wurde 1985 gestartet. Bis dahin gab es in Ostbelgien für kleine Kinder mit einer Behinderung oder einer Entwicklungsverzögerung keine Möglichkeiten, an Frühförderprogrammen teilzunehmen.

Wer arbeitet bei der Frühhilfe Ostbelgien?

Erica: Heute arbeitet ein 12-köpfiges Therapeutenteam im Norden und Süden Ostbelgiens. Es besteht aus klinischen Psychologinnen, Familienpsychotherapeutinnen, Logopädinnen, Kinesitherapeutinnen, Psychomotorikerinnen, Heilpädagoginnen, Erzieherinnen, einer Musiktherapeutin, einer Ergotherapeutin und einer Hebamme.

Alle haben verschiedenste Zusatzqualifikationen, um aktuelle Entwicklungen in der Frühförderung und der Elternarbeit einzubringen – z.B. pädiatrische Ess- und Schluckstörungen, Autismus-Spektrum, Frühchenentwicklung, standardisierte Entwicklungstests sowie Gesprächsführung und systemische Elternberatung.

So gewährleisten wir eine fachlich fundierte Förderung und eine professionelle, ressourcenorientierte Begleitung.

Wann und wie können Familien Kontakt zur Frühhilfe
Ostbelgien aufnehmen?

Françoise: Eltern können jederzeit Kontakt zur Frühhilfe aufnehmen, sobald sie Fragen zur Entwicklung ihres Kindes haben oder der Verdacht auf Entwicklungsauffälligkeiten bzw. genetische Diagnosen besteht.
Der Erstkontakt erfolgt sehr niederschwellig – telefonisch oder per E-Mail.
Bereits auf der Neonatologie, der Geburtsstation oder beim Kinderarzt können Eltern auf unser Angebot aufmerksam gemacht werden.
Im Erstgespräch geben wir den Eltern Raum zum Erzählen. Wir evaluieren gemeinsam auf Basis der Entwicklungsdiagnostik den Unterstützungsbedarf von Kind und Familie und arbeiten bei Bedarf mit qualifizierten Dolmetschern.

Wie sieht die konkrete Arbeit der Frühhilfe Ostbelgien aus?

Erica: Die Förderung wird individuell und ressourcenorientiert auf die Bedürfnisse des Kindes und seiner Familie abgestimmt und findet in
Form von 1-stündigen Spielfördersitzungen statt.

Parallel dazu bieten wir regelmäßige Elterngespräche zu allen Themen rund um das Familienleben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen an. Wir begleiten die Eltern ebenfalls zu spezialisiertenärztlichen Terminen (Neuropädiater, genetischer Diagnostik usw.).
Die ganzheitliche pädagogisch-therapeutische Begleitung umfasst alle Entwicklungsbereiche: Grob- und Feinmotorik, aktive und rezeptive Sprache, kognitive und sozio-emotionale Entwicklung, Interaktion und Kommunikation, Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit sowie die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung.
Durch das spielzentrierte Angebot werden alle Entwicklungsbereiche gezielt unterstützt.

Wie werden Eltern und Geschwister in die Förderung einbezogen?

Françoise: In all unseren Angeboten ist immer ein Elternteil aktiv dabei und die Förderziele werden gemeinsam festgelegt. So unterstützen wir die Eltern, entwicklungsfördernde Impulse nachhaltig in den Alltag zu integrieren.
Auch Geschwister werden berücksichtigt, da sie oft zusätzliche Herausforderungen erleben.

Dieses Thema besprechen wir sowohl in den Spielfördersitzungen als auch in den Elterngesprächen.

 

Was passiert nach dem 6. Geburtstag?

Erica: Der Arbeitsauftrag endet mit dem 6. Geburtstag oder früher nach Bedarf.

Bereits vorher besprechen wir mit Eltern und Kind, welche Unterstützung nötig ist, damit Teilhabe im Alltagweiterhin bestmöglich gelingt.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen der Frühhilfe Ostbelgien?

Françoise: Junge Eltern stehen besonders mit Kindern, die Entwicklungsunterstützung brauchen, vor großen Herausforderungen.

Sie müssen Beruf, Familie und Betreuung ihres Kindes miteinander vereinbaren und stehen dabei unter hohem Erwartungsdruck.
Entlastungsmöglichkeiten abends, nachts, an Wochenenden oder wenn die Eltern selbst erkranken oder erschöpft sind, sind nur begrenzt verfügbar. Fehlt ein unterstützendes familiäres Netzwerk, steigt die Belastung bis hin zum Eltern-Burnout. Dies erschwert die Erholung der Eltern und beeinflusst zugleich die kindliche
Entwicklung und familiären Beziehungen.

Die ersten 1.000 Tage sind entscheidend. Viele Familien finden erst spät zur Frühhilfe, was frühzeitige Förderung, präventive Elternstärkung und Begleitung im Rhythmus von Eltern und Kind erschwert.
Der gesellschaftliche Stellenwert kleiner Kinder und präventiver Familienarbeit wird oft unterschätzt, was aus diversen Studien hervorgeht. Frühzeitige Unterstützung stärkt Eltern, fördert die kindliche Entwicklung und sichert Chancengerechtigkeit sowie Teilhabe.
Finanzielle Kürzungen im Behinderten und Familienbereich sowie Fachkräftemangel erschweren jedoch die Qualität und Kontinuität des Frühförderauftrags und erfordern kontinuierliche Konzeptanpassungen und gezielte Weiterbildungen, um die Begleitung weiterhin auf hohem fachlichem Niveau sicherzustellen.

Die Warteliste stellt das Frühhilfeteam vor große Herausforderungen, erschwert die zeitnahe Förderung der Kinder sowie die Begleitung der Eltern und erfordert eine ständige Priorisierung und kontinuierliche organisatorische Anpassungen, um trotz hoher Nachfrage eine qualitativ hochwertige Betreuung zu gewährleisten.

Welche Chancen oder Trends sehen Sie für die Zukunft der Frühhilfe Ostbelgien?

Erica: Frühförderung trägt wesentlich zu Prävention, Chancengleichheit, Teilhabe und Ressourcenstärkung von Kindern und Familien bei, wie internationale Studien belegen. Durch unsere niederschwellige Arbeit sind wir nah am gesellschaftlichen Wandel, können schnell reagieren, unser Konzept anpassen und Erfahrungen gesellschaftspolitisch einbringen.

Copyright: Freie Krankenkasse

Veröffentlicht im Freie Magazin N° 137